Mittwoch, 19. Januar 2011

Wie entsteht eigentlich ein Kostüm?

Wie das die Profis machen, kann ich natürlich nicht sagen, aber ich kann beschreiben, wie das bei mir abläuft.
Als Beispiel möchte ich das "Wein nicht um mich, Argentinien"-Kleid benutzen.


Die Planung beginnt mit dem Satz:
Wir brauchen ein Kleid für das Pressefoto.

Es soll das Kleid für die berühmteste Szene des Musicals werden: Evita steht nach der Präsidentschaftswahl auf dem Balkon der Casa Rosada und singt "Wein nicht um mich, Argentinien".

Es muss ein helles Kleid sein, so viel steht fest.
Das, was Madonna in der Verfilmung des Musicals trägt, gefällt mir nicht.
Auch die Kleider mit gigantischen Tüllröcken, wie man sie auf verschiedenen EVITA-Plakaten sieht, finde ich nicht passend - abgesehen davon wären so viele Meter Tüll, wie man dafür braucht, nicht gerade billig.
Also beginnt die Recherche: Was hat die echte Evita eigentlich damals getragen? Und Michel hat ein Bild gefunden, das damals aufgenommen wurde.
Es zeigt Evita in einem relativ schlichten, perlmuttfarben schimmernden Kleid mit einem schmalen Gürtel. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass der Ausschnitt assymetrisch mit einer Spitze gearbeitet ist.

Anhand dieses Bildes habe ich mehrere Entwürfe gezeichnet und mich schließlich für einen entschieden (siehe hier).
Da das Kleid eben recht schlicht ist, habe ich mich entschieden, das Oberteil und den Gürtel mit Pailetten zu verzieren.
Den Entwurf habe ich dann der Regie und den Eviten gezeigt und mit ihrem Einverständnis mit der weiteren Arbeit begonnen.

Zuerst musste ich einen Schnitt suchen, der dem benötigten ähnlich ist. Diesen habe ich dann an die Maße der jeweiligen Evita angepasst und verändert - die Spitze am Ausschnitt war natürlich nicht im Schnitt und musste angefügt werden. Außerdem habe ich den Rock nach den individuellen Maßen entwickelt, da der Rock des Schnittes nicht dem Entwurf entsprach.
Dann habe ich berechnet, was ich brauche: Oberstoff, Futter, Reißverschluss, Miederstäbchenband, Nähgarn, Pailletten, Einlage usw.

Der nächste Schritt ist der Zuschnitt. Oberstoff, Futter und Einlage müssen mit den richtigen Nahtzugaben zugeschnitten werden. Dann muss die Einlage auf die entsprechenden Stoffteile aufgebügelt werden.

Erst dann kann das eigentliche Nähen beginnen.
Zuerst habe ich das Oberteil genäht und mit Miederstäbchenband verstärkt - damit es ohne Träger an seinem Platz bleibt und sich nicht während des pathestischen Liedes auf einmal verabschiedet...
Auf das Oberteil habe ich anschließend über 250 Pailletten aufgestickt - für das gewisse Etwas Glitter und Glanz!

Rock, Reißverschluss, Futterrock und Saum sind dann vergleichsweise schnell genäht und auch nicht besonders spannend.



So ähnlich läuft es bei fast allen Kostümen, die ich nähe oder entwerfe.
Gerade bei EVITA kann man schauen, was die historische Person getragen hat.
Aus diesen Informationen und der allgemeinen Mode der Zeit kann ich dann etwas entwerfen, das zum Einen zu Evita passt, zum Anderen (soweit möglich) historisch passend ist, auf der Bühne - auch im Zusammenspiel mit anderen Kostümen - gut wirkt und außerdem möglichst kein Geld kostet ;)

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